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Der Milliardenpriester

4. April 2011, 16:48pm

Veröffentlicht von asmodeus

Bérenger Saunière trat am 1. Juni 1885 in dem kleinen südfranzösischen Dorf Rennes-le-Château sein Amt als der neue Curé an. Er soll ein robuster, stattlicher, energischer und überdies hochintelligenter Mann von dreiunddreißig Jahren gewesen sein. Noch kurz zuvor, auf dem Priesterseminar, schien er zu Höherem berufen, als in einem einsamen Gebirgsdorf, in  den östlichen Pyrenäenausläufern, zu versauern. Doch dann erregte er – aus unbekannten Gründen, wohl wegen Unbotmässigkeit – bei seinen Vorgesetzten Missfallen. Diese schickten ihn, um ihn loszuwerden, in die Pfarre von Rennes-le-Château. Oder, er ward schon sehr früh von Anderen zu einer ganz bestimmten Mission ausersehen, die er in Rennes-le-Château zu erfüllen hatte.

Sauni blog 

In dem kleinen Ort, hoch droben, auf einem steilen Berg, wohnten zu jener Zeit nur etwa zweihundert Menschen. Ein gottvergessenes Dörfchen, rund vierzig Kilometer von Carcassonne entfernt. „Für andere wäre dies einer Verbannung gleichgekommen, einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe in einem Provinznest, weitab von den Annehmlichkeiten einer Metropole, alles andere als ein Stimulans für einen scharfen, forschenden Geist. Nicht so für Saunière, der in dem weniger als fünf Kilometer entfernten Dorf Montazels geboren und aufgewachsen war.“ So könnte er durchaus auch auf eigenen Wunsch die Versetzung durchgesetzt haben.

 

Hier trat er nun also seine Lebensstellung an, die normalerweise diejenige eines bettelarmen Landpfarrers gewesen wäre. „Zwischen 1885 und 1891 betrug Saunières Einkommen durchschnittlich einhundertfünzig Francs im Jahr – kein gerade üppiges Gehalt, aber wohl das, was ein französischer Landpfarrer zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts erwarten durfte. Die Zuwendungen seiner Pfarrkinder hinzugerechnet, scheint es zum Überleben genügt zu haben, keineswegs aber zu Extravaganzen.“ Doch eine gar so armselige Existenz kann das eigentlich zu keinem Zeitpunkt gewesen sein, weil der Abbé es sich immerhin schon in der ersten kurzen Zeit nach seinem Amtsantritt leisten konnte, die damals achtzehnjährige Marie Dénarnaud als Dienstmädchen und Haushälterin einzustellen. In diesen sechs Jahren soll Bérenger Saunière, den drei Briten zufolge, ein angenehmes, beschauliches und friedliches Leben geführt haben. „Wie in seiner Jugendzeit jagte und fischte er in den Bergen und Flüssen in der Umgebung. Er las viel, vervollkommnete seine Lateinkenntnisse, lernte Griechisch und begann mit dem Studium des Hebräischen.“ 

 

Zu seinem Amtsbruder, dem Abbé Henri Boudet, Pfarrer im benachbarten Rennes-les-Bains, unterhielt Bérenger Saunière freundschaftliche Beziehungen. Die beiden Curé scheinen sogar eng miteinander befreundet gewesen zu sein. Boudet ist es gewesen, „unter dessen Anleitung er sich in die turbulente Geschichte der Region vertiefte – eine Geschichte, deren stumme Zeugen ihn ständig umgaben.“ Und alles spricht dafür, dass Henri Boudet seinen jüngeren Freund und Amtskollegen überhaupt „anleitete“, dass Boudet eine ungleich bedeutendere Rolle in den Geheimnissen um Rennes-le-Château spielte, als Saunière selber.

 

Ich übernehme, von dieser Stelle an, die weiteren Ausführungen von Lincoln, Baigent, Leigh,[1] weil sich die Darstellung der etablierten Version der Schatzgeschichte von Rennes-le-Château so direkt und am einfachsten gestaltet. Auf viele der gröbsten Irrtümer und Phantastereien weise ich mit Anmerkungen hin, die ich als Fußnoten anbringe.

 

„So erhebt sich zum Beispiel wenige Kilometer südöstlich von Rennes-le-Château ein anderer Gipfel, le Bézu, auf dem sich die Ruinen einer mittelalterlichen Festung befinden, einst ein Ordenshaus der Tempelritter.[2] Auf einem dritten Berg, rund eineinhalb Kilometer östlich von Rennes-le-Château, erheben sich die Ruinen von Blanchefort, dem Ahnensitz Bertrands de Blanchefort. Er war der vierte Großmeister der Tempelritter und stand diesem berühmten Orden in der Mitte des zwölften Jahrhunderts vor.[3] Darüber hinaus lag das Gebiet um Rennes-le-Château an der alten Pilgerstraße, die von Nordeuropa nach Santiago de Compostele in Spanien führte.

 

Schon seit geraumer Zeit hatte Saunière die Absicht, die im Jahre 1059 Maria Magdalena geweihte Dorfkirche[4] restaurieren zu lassen. Das verfallene Gotteshaus stand auf dem Fundament eines noch älteren, westgotischen Bauwerks aus dem sechsten Jahrhundert. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts befand es sich in einem nahezu hoffnungslosen Zustand.

 

Von seinem Freund Boudet ermutigt, lieh sich Saunière 1891 eine kleine Summe aus der Gemeindekasse und machte sich an eine bescheidene Restaurierung, in deren Verlauf er die auf zwei westgotischen Trägern ruhende Altarplatte entfernte.[5] Einer dieser Träger war hohl und enthielt vier versiegelte Holzzylinder.[6] Zwei der darin aufbewahrten Pergamente, das eine aus dem Jahre 1244, das andere von 1644, sollen Genealogien enthalten haben.[7] Die beiden anderen waren anscheinend um 1780 von einem Vorgänger von Saunière, dem Abbé Antoine Bigou, verfasst worden. Bigou war außerdem Seelsorger und Vertrauter der adeligen Familie Blanchefort gewesen, die am Vorabend der Französischen Revolution zu den grö0ten Grundbesitzern der Gegend zählte.

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Die beiden Pergamente aus Bigous Zeit erwiesen sich auf den ersten Blick als fromme lateinische Texte, Auszüge aus dem Neuen Testament. Untersucht man sie jedoch genauer, so entdeckt man, dass auf dem einen die Wörter ohne Zwischenräume aneinandergfügt sind und überdies eine ganze Reihe völlig überflüssiger Buchstaben enthalten. Das zweite Pergament zeigt wahllos verstümmelte Zeilen – ungleich, manchmal in der Mitte eines Wortes – während bestimmte Buchstaben auffallend hervorgehoben sind. In Wirklichkeit also stellen diese Pergamente eine Folge von klug erdachten Chiffren oder Codes dar. Einige sind so unvorstellbar kompliziert, dass sie sogar einem Computer standhalten und sich ohne einen entsprechenden Schlüssel nicht knacken lassen würden. Eine Dechiffrierung dieses Textes erschien in französischen Werken, die sich mit Rennes-le-Château beschäftigen, und wurde von uns auch für zwei Filme herangezogen, die im Auftrag der BBC entstanden.

 

BERGER PAS DE TENTATION QUE POUISSIN TENIERS GARDENT LA CLEEF PAX DCLXXXI PAR LA CROIX ET CE CHEVAL DE DIEU J’ACHEVE CE DAEMON DE GARDIEN A MIDI POMMES BLEUS (Schäferin, keine Versuchung. Daß Poussin, Teniers den Schlüssel besitzen ; Friede 681. Beim Kreuz und diesem Pferd Gottes beende – oder zerstöre – ich diesen Dämon von Wächter zu Mittag. Blaue Äpfel.)

 

Während einige Chiffren den Leser aufgrund ihrer Kompliziertheit entmutigen, lassen sich andere geradezu leicht auflösen. Auf dem zweiten Pergament zum Beispiel ergeben die hervorgehobenen Buchstaben, liest man sie nacheinander, eine durchaus sinnvolle Botschaft.

 

A DAGOBERT II ROI ET SION EST CE TRESOR ET IL EST LA MORT (Dieser Schatz gehört König Dagobert II. und Zion, und dort liegt er tot.)

 

Obwohl Saunière imstande gewesen sein muß, diese Botschaft zu entziffern, ist zu bezweifeln, dass er die schwierigen Codes des ersten Dokuments entschlüsseln konnte. Nichtsdestoweniger begriff er, dass er auf etwas Wichtiges gestoßen war. Mit Zustimmung des Bürgermeisters legte er dem Bischof von Carcassonne seine Entdeckung vor. Daraufhin wurde Saunière unverzüglich mit dem Auftrag nach Paris gesandt, sich mit den Pergamenten bei verschiedenen hohen kirchlichen Würdenträgern vorzustellen. Seine wichtigsten Gesprächspartner waren der Abbé Bieil, Generalsuperior des Seminars an Saint-Sulpice, und dessen Neffe Emile Hoffet, der sich damals auf die Priesterweihe vorbereitete.[8] Obwohl erst Anfang zwanzig, hatte sich Hoffet bereits als Wissenschaftler auf den Gebieten der Linguistik, der Kryptologie und der Paläographie einen bedeutenden Namen gemacht. Man wusste aber auch, dass er esoterischen Lehren anhing und freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen, dem Okkultismus nahestehenden Gruppen, Sekten und Geheimgesellschaften unterhielt. Dadurch war er mit einem durchlauchten Kreis in Kontakt gekommen, dem unter anderem literarische Größen wie Stéphan Mallarmé und Maurice Maeterlinck sowie der Komponist Claude Debussy angehörten. Ferner kannte er auch Emma Calvé. Diese war nicht nur die Callas ihrer Zeit und eine Hohepriesterin der esoterischen Subkultur von Paris, sondern unterhielt auch enge Beziehungen zu einflussreichen Okkultistenkreisen. Während Saunières Paris-Aufenthalt kehrte sie nach triumphalen Erfolgen in London und Windsor in die französische Hauptstadt zurück.

 

Saunière verbrachte insgesamt drei Wochen in Paris. Was bei seinen Gesprächen mit den Klerikern herauskam, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass der Landpfarrer sofort und mit offenen Armen in den Kreis um Hoffet aufgenommen wurde; ja es wurde sogar behauptet, er wäre Emma Calvés Liebhaber geworden. Zeitgenössische Klatschbasen sprachen von einer Liebesaffäre, und ein Bekannter der Sängerin bezeichnete sie als von dem Curé besessen. Wie auch immer: Daß die beiden eine tiefe und enge Freundschaft verband, steht außer Frage. In den folgenden Jahren besuchte sie Saunière häufig in der Umgebung von Rennes-le-Château.[9]

 

Die Zeit in Paris nutzte Saunière auch zu einigen Besuchen im Louvre, was damit zusammenhängen dürfte, dass er vor seiner Abreise Reproduktionen von drei Gemälden erstand. Eines davon, das Werk eines unbekannten Künstlers, war ein Porträt von Pabst Cölestin V., der gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts für kurze Zeit das Amt des Stellvertreters Christi versah. Das zweite war ein Werk von David Teniers, Vater oder Sohn. Bei dem dritten handelte es sich wahrscheinlich um das berühmte Gemälde von Nicolas Poussin „Les Bergers d’Arcadie“ (Die Hirten in Arkadien).[10]

 

Nach seiner Rückkehr nahm Saunière die Restaurierungsarbeiten an der Dorfkirche von Rennes-le-Château wieder auf. Dabei förderte er eine seltsam geformte Steinplatte aus dem siebten oder achten Jahrhundert ans Tageslicht, unter der sich eine Krypta befunden haben mochte, eine Grabkammer, in der angeblich Skelette gefunden worden waren.[11] Darüber hinaus beschäftigte sich Saunière aber auch mit recht ungewöhnlichen Projekten, etwa mit der Grabstätte der Marquise Marie d’Hautpoul de Blanchefort, die sich auf dem Kirchhof befand. Grabstein und Grabplatte waren von Abbé Antoine Bigou entworfen und eingesetzt worden. Die Grabinschrift – die eine Anzahl von vorsätzlichen Fehlern in Rechtschreibung und Worttrennung aufwies – war ein perfektes Anagramm der in den Pergamenten verborgenen Botschaft, die sich auf Poussin und Teniers bezog. Vertauscht man die Buchstaben, erhält man die oben erwähnte kryptische Aussage über Dagobert und Zion.[12]

 

Saunière, der nicht wusste, dass die Inschrift auf dem Grab der Marquise bereits aufgezeichnet worden war, zerstörte sie, Dies blieb nicht die einzige absonderliche Handlung im Verhalten des Pfarrers. In Begleitung seiner treuen Haushälterin unternahm er lange Fußmärsche in die Umgebung und sammelte dabei wertlose, vollkommen uninteressante Steine. Er führte des weiteren einen ausgedehnten Briefwechsel mit unbekannten Adressaten – nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland, Italien, Österreich, Spanien und in der Schweiz. Er begann Briefmarken zu sammeln und tätigte undurchsichtige Geschäfte mit verschiedenen Banken.

 

Allein für Porti gab Saunière überdurchschnittlich viel Geld aus – mehr, als er es sich bei seinem jährlichen Einkommen hätte leisten können. Ab 1896 fing er an, Summen auszugeben, die jedes vernünftige Maß bei weitem überstiegen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1917 erreichten diese einen Gesamtbetrag von mehreren Millionen Francs.

 

Einen Teil dieses Reichtums verwandte er zur Finanzierung löblicher Gemeindeprojekte, etwa dem Bau einer modernen Straße, die ins Dorf hinaufführte, und der Installierung von Wasserleitungen in den Häusern.[13] Andere Ausgaben dienten eher seltsamen Donquichotterien: So ließ Saunière einen Turm errichten – die Tour Magdala –, von dem aus man auf die Steilseite des Berges hinunterblicken konnte. Er baute sich ein luxuriöses Landhaus – die Villa Bethania –, in das er aber selbst nie einzog. Und die Kirche wurde nicht nur restauriert, sondern vielmehr auf höchst bizarre Weise dekoriert. Über dem Türsturz ließ Saunière eine lateinische Inschrift einmeißeln:

 

TERRIBILIS EST LOCUS ISTE (Dieser Ort ist schrecklich).[14]

 

Gleich hinter dem Portal, im Innern des Gotteshauses, wurde eine scheußliche Statue aufgestellt, eine geschmacklose Darstellung des Dämons Asmodi – Hüter der Geheimnisse, Wächter verborgener Schätze und, einer alten jüdischen Legende zufolge, der Erbauer des Tempels in Jerusalem.[15] An den Kirchenwänden wurden grellbunt bemalte Tafeln angebracht, die den Kreuzweg wiedergaben – doch jede einzelne Station war durch irgendeine sonderbare Widersprüchlichkeit, ein ungerechtfertigtes zusätzliches Detail, eine offene oder versteckte Abweichung von der allgemein anerkannten Darstellungsweise gekennzeichnet. Auf Station VIII zum Beispiel ist ein Kind in ein buntkariertes Plaid gehüllt. Die vierzehnte Station, die Grablegung Christi, zeigt im Hintergrund einen nächtlichen Himmel mit Vollmond. Beinahe scheint es, als ob Saunière damit gewisse Hinweise hätte geben wollen. Aber worauf? Daß Jesus erst nach dem Einbruch der Dunkelheit begraben wurde – mithin mehrere Stunden später, als die Bibel angibt? Oder dass sein Leib aus der Gruft heraus- statt hineingetragen wurde?[16]

 cure milliards

Gleichzeitig fuhr Saunière fort, viel Geld unter die Leute zu bringen. Er sammelte seltenes Porzellan, antike Marmorskulpturen, kostbare Gewebe und bibliophile Bücher. Er ließ eine Orangerie und einen Tiergarten anlegen. Dabei vergaß er auch seine Pfarrkinder nicht. Er lud sie zu üppigen Banketten ein, zeigte sich in jeder Hinsicht freigebig und pflegte alles in allem den Lebensstil eines mittelalterlichen Herrschers, der über eine uneinnehmbare Bergfestung gebietet. In seinem praktisch unzugänglichen Refugium empfing er eine Reihe angesehener Gäste, wie Emma Calvé oder den französischen Kultusminister. Der vielleicht bedeutendste Besucher des unbekannten Landpfarrers war Johann Salvator von Habsburg, ein Vetter des österreichischen Kaisers Franz Joseph. Aus später veröffentlichten Bankberichten geht hervor, dass Saunière und der Erzherzog am gleichen Tag Konten eröffneten und letzterer eine beträchtliche Summe an den Pfarrer überwies.[17]

 

Anfangs drückten Saunières Obere beide Augen zu. Der neue Bischof von Carcassonne jedoch versuchte nach dem Tod seines Vorgängers, den Priester zur Ordnung zu rufen. Saunière aber verweigerte jegliche Angabe über die Herkunft seines Vermögens. Auch den vom Bischof angeordneten Transfer lehnte er ab. Daraufhin beschuldigte ihn der Bischof der Simonie und suspendierte ihn. Saunière richtete nun seinerseits eine Beschwerde an den Heiligen Stuhl, der ihn freisprach und wieder einsetzte.[18]

 

Am 17. Januar 1917 erlitt der damals siebenundfünfzigjährige Pfarrer von Rennes-le-Château einen Herzinfarkt. Ein verdächtiges Datum, dieser 17. Januar, denn auf dem Grabstein der Marquise d’Hautpoul de Blanchefort ist es ebenfalls genannt. Es ist auch der Gedenktag des heiligen Sulpice, der, wie wir noch erfahren sollten, eine wichtige Rolle in unserer Geschichte spielt. Ausgerechnet im Seminar an Saint-Sulpice hatte Saunière dem Abbé Bieil und Emile Hoffet die Pergamente übergeben. Was aber den Herzanfall vom 17. Januar besonders verdächtig erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass Saunière sich noch fünf Tage zuvor nach Aussagen seiner Pfarrkinder bester Gesundheit erfreute. Nichtsdestoweniger bestellte Marie Denarnaud am 12. Januar 1917 einen Sarg für ihren Herrn – wie aus einer in unserem Besitz befindlichen Auftragsbestätigung hervorgeht.[19]

 

Als Saunière auf dem Sterbebett lag, wurde ein Priester aus dem Nachbardorf gerufen, um ihm die Beichte abzunehmen und die Absolution zu erteilen. Der Priester begab sich in das Zimmer des Kranken – und verließ es kurz daruf wieder, sichtlich erschüttert. Berichten zufolge habe er danach „nie wieder gelächelt“ und sei in einen Zustand akuter Melancholie verfallen, der mehrere Monate andauerte. Ob diese Darstellungen nun übertrieben sind oder nicht, fest steht, dass der Priester Saunière die letzte Ölung verweigerte.[20]

 

Saunière starb am 22. Januar, ohne die Sterbesakramente empfangen zu haben. Am Tag darauf wurde seine Leiche, aufrecht in einem Lehnstuhl sitzend und in eine mit scharlachroten Troddeln besetzte Robe gehüllt, auf die Terrasse der Tour Magdala gestellt. Unter den Totengästen, die an ihm vorüberzogen und nicht aus der Gegend stammten, gab es mehrere, die zur Erinnerung Troddeln vom Gewand des Toten abrupften. Eine Erklärung für diese seltsame Zeremonie hat bis heute niemand gefunden.

 

Mit gespannter Erwartung sah man der Verlesung von Saunières letztem Willen entgegen. Doch zu jedermanns Überraschung gab er an, völlig mittellos zu sein, Offenbar hatte er sein gesamtes Vermögen schon einige Zeit zuvor Marie Denarnaud überschrieben, die zweiunddreißig Jahre lang sein Leben und sein Geheimnis mit ihm geteilt hatte.

 

Nach dem Tod ihres Herrn führte Marie bis 1946 ein angenehmes Leben in der Villa Bethania. Die Nachkriegsregierung unter Charles  de Gaulle führte eine Währungsreform durch und erließ gleichzeitig Verfügungen mit dem Ziel, Steuerhinterzieher, Kollaborateure und Kriegsgewinnler habhaft zu werden: Beim Umtausch alter in neue Francs mussten alle französischen Bürger Rechenschaft über ihre Einkünfte ablegen. Marie war nicht gewillt, Erklärungen abzugeben; sie entschied sich für ein Leben in Armut. Man beobachtete, wie sie im Garten ihrer Villa alte Francnoten bündelweise verbrannte.[21]

 

Während der nächsten sieben Jahre lebte Marie von dem Erlös, den ihr der Verkauf der Villa Bethania eingebracht hatte. Dem Käufer, Monsieur Noel Corbu, versprach sie, ihm vor ihrem Tod ein Geheimnis anzuvertrauen, das ihn nicht nur zu einem reichen Mann machen würde. Am 29. Januar 1953 erlitt Marie einen Schlaganfall und war bis zu ihrem Tode der Sprache nicht mehr mächtig. Sie starb – zu Monsieur Corbus schmerzlicher Enttäuschung – ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

 

Das war in groben Zügen die Geschichte, wie sie in den sechziger Jahren in Frankreich veröffentlicht worden war.“ (Lincoln, Baigent, Leigh)

 

Eine durch und durch romanhafte Erfindung, denn diese Geschichte könnte leicht, mit noch vielen weiteren Anmerkungen versehen, in so ziemlich all ihren Bestandteilen, als Phantasterei entlarvt werden. Doch die drei britischen Autoren taten das genaue Gegenteil. Anstatt einem solch eigenartigen Bericht mit der gebührenden Portion Skepsis zu begegnen, statt wenigstens die offensichtlichen Widersprüche und Ungereimtheiten zu hinterfragen, übernahmen sie unbesehen Alles, um, darauf aufbauend, ihre eigene, noch weitaus phantasievollere Geschichte des Geheimnisses von Rennes-le-Château zu entwickeln. Die ist natürlich wirklich überaus faszinierend und wirkt auf den ersten Blick sogar auch als ein mögliches Szenario. „Es ist in der Zwischenzeit viel über das Geheimnis Rennes-le-Chateaus spekuliert worden. Die meisten Autoren nehmen an, dort sei der Heilige Gral - was man darunter auch immer verstehen mag - verborgen. Doch der Begriff Gral leitet sich nun einmal nicht von Sang Real (königliches Blut) ab, wie das britische Journalistenteam um Michael Baigent in dem vielgelesenen Buch „Der Heilige Gral und seine Erben“ zu beweisen versuchte. Auch „Das letzte Grab Christi“, wie Paul Schellenberger und Richard Andrews vermuten, wird sich nicht in der Nähe Rennes-le-Chateaus finden. Zwar sind die Recherchen der Briten zum Thema beeindruckend, doch verkennen sie, daß das bloße Wissen um die mögliche Existenz eines solchen Grabes als Druckmittel nie ausgereicht hätte, um Sauniere und seinen Mitverschworenen ihr luxuriöses Leben durch großzügig bemessenes „Schweigegeld“ zu ermöglichen.“ (Th. Ritter)[22]

 

Mit den wirklichen Ereignissen, in denen Abbé Bérenger Saunière eine wichtige Rolle spielte, mit den tatsächlichen Hintergründen und historischen Gegebenheiten steht das Alles jedoch nur noch entfernt in einem Zusammenhang. Um die Erhellung jener Hintergründe, um die Darstellung der Vorgänge, wie sie sich damals abgespielt haben mögen, soll es in diesem Blog gehen, so weit das heute – nach rund einhundertzwanzig Jahren – noch möglich sein kann.

 

 


[1] alle Zitate aus Lincoln, Baigent, Leigh, „Der Heilige Gral und seine Erben“

[2] Laut Auskunft  von George Kiess, dem wohl profundesten Kenner  der Geschichte des Templer-Ordens im Aude, ist Le Bézu niemals eine Templerfestung gewesen

[3] Hier liegt eine Verwechselung vor. Der vierte Templergroßmeister hieß Bertrand de Blanqufort und sein Stammsitz war Château de Blanquefort, in der Nähe von Bordeaux.

[4] Aus einer alten Urkunde ist zu entnehmen, dass die Kirche 1059 der Jungfrau Maria geweiht worden ist, auf den Namen Sainte Marie. Ihren heutigen Namen Ste.-Marie-Madeleine bekam die Kirche erst in viel jüngerer Zeit.

[5] Saunière erhielt kein Geld aus der Gemeindekasse, denn die war leer. Die Kosten für die Instandsetzung der Kirche sind samt und sonders aus Spendengeldern bestritten worden. Um nur die größten Spendenbeträge zu nennen: 3000 Goldfrancs erhielt Saunière von der Gräfin de Chambord, 518 Francs als Spende von der Hutfabrik, Chappellerie Bourrel, aus Esperaza, weitere 700 Francs spendete eine gewisse Mdm Marie Cavailhé, für einen neuen Altar. Da die voraussichtlichen Instandsetzungskosten in einem Baugutachten, vom 21. Oktober 1853, in Auftrag gegeben von Bischof Leullieux, mit etwa 4500 Francs veranschlagt worden waren, kann man davon ausgehen, dass die Spendeneinnahmen Saunières in dem betraffenden Zeitraum für die Arbeiten an seiner kleinen Kirche gut und gerne ausreichten. Mit diesn Bauarbeiten begann Saunière überdies nicht erst 1891, sondern bereits schon bald nach seinem Amtsantritt, wahrscheinlich 1886, denn die noch vorhandenen Rechnungen belegen: Am 27. Juli 1887 ist der neue Altar geliefert worden.

[6] An den Fund von Pergamenten im Inneren einer der Altarsäulen glaubt heute schon längst kaum noch jemand, der die Zapflöcher in den Altarpfeilern gesehen hat. Der Pergamente-Fund in einer der Säulen ist eine reine Erfindung.

[7] Die Originale, sowohl der Genealogien, als auch der beiden Pergamente, blieben seit ihrer angeblichen Entdeckung bis heute verschwunden. Alle Veröffentlichungen über das Thema Rennes-le-Château stützen sich in diesem Punkt allein auf Kopien von Kopien, welche unter ausgesprochen dubiosen Umständen an die Öffentlichkeit gelangten. Sie stammen aus den Händen eines gewissen Pierre Plantard, der, mit den von ihm in Umlauf gebrachten Papieren, seine Abstammung vom merowinischen Königsgeschlecht und damit einen Anspruch auf den französischen Thron glaubhaft machen wollte. Dabei bediente sich Plantard offenbar jener Genealogien, welche Kaiser Napoleon I. von einem gewissen Abbé Pichon anfertigen ließ. Abbé Pichon erledigte seine Arbeit zwischen 1805 und 1814. Deshalb können dieselben Genealogien kaum von dem Abbé Bigou, kurz vor Ausbruch der französischen Revolution, in der Kirche von Rennes-le-Château versteckt worden sein.

[8] Inzwischen gilt es längst als erwiesen, dass diese Reise überhaupt nicht stattgefunden haben kann. Ein reines Phantasieprodukt. Das gilt demzufolge ebenso für die Schilderungen aller Aktivitäten, welche während Saunières fiktivem Aufenthalt in Paris stattgefunden haben sollen.

[9] Für jene romantische Episode gibt es in Wirklichkeit absolut keinen Beweis – nicht einmal einen echten Hinweis. Alles, worauf sich die „außer Frage stehende“ Behauptung stützen kann, ist der Deckel einer Bonbonière mit dem Bildnis der Calvé, welches unter den Hinterlassenschaften Saunières gefunden worden ist.

[10] Da Saunière diese Reise überhaupt  nicht antrat, kann er auch den Louvre nicht besichtigt und erst Recht keine Gemäldereproduktionen dort erworben haben – zumal der Louvre vor dem Jahr 1900 ohnehin keine Reproduktionen herausgab.

[11] Eine Grabkammer zudem, die, seit ihrer Entdeckung durch Abbé Saunière, trotz jahrzehntelangem intensiven Suchens in der Kirche, einschließlich Grabungen, bis heute noch nicht wiedergefunden werden konnte...

[12] Ob diese Grabplatte oder Stele überhaupt jemals tatsächlich existierte, war bisher noch nicht abschließend zu klären. Versuche sind mehrfach unternommen worden, aber je intensiver geführt, um so phantomhaftere Züge nimmt diese Grabplatte an. Im Ergebnis der bisherigen Recherchen muß man wohl eher davon ausgehen, dass hier kräftig manipuliert worden ist. Wahrscheinlich ein weiteres Element aus der Trickkiste von Pierre Plantard.

[13] Saunière ließ weder die Straße von Couiza nach Rennes-le-Château hinauf bauen, noch Wasserleitungen in die Häuser legen.

[14] Satzfragment eines Zitat aus der Bibel, AT, Genesis 28-17. Sinngemaäß richtig übersetzt werden müsste die Stelle jedoch mit: Dieser Ort ist verehrungswürdig.

[15] Es existiert nicht einmal der geringste Hinweis darauf, dass Saunière, die Figurengruppe mit dem Taufbecken, zu der diese Teufelsfigur gehört, in irgend einem Zusammenhang mit dem Dämon Asmodeus stehen sah, oder gar, dass er den Teufel unter dem Taufbecken jemals selber mit dem Namen Asmodi bezeichnet hätte. Zumal die Gruppe mit dem Taufbecken, so, wie die gesamte sonstige Kirchendekoration – der Kreuzweg, die Heiligstatuen usw. – allesamt Manufakturware sind, der Serienproduktion entstammen und deshalb eher schlecht dazu geeignet waren, weitreichende, komplizierte Geheimbotschaften zu transportieren.

[16] Die Lösung für Saunières Geheimnis wird von jeher vor allem auch in der Kirchendekoration gesucht. Hier soll er geheime Botschaften versteckt haben. Unendlich viel ist denn auch schon über diesen Kirchenkitsch geschrieben worden – das meiste davon ist entweder purer Unsinn oder es führt zu keiner annähernd sinnvollen Schlussfolgerung. Worüber sich übrigens bereits Gérard de Sède vollkommen im Klaren gewesen ist: „Ihre Arbeiten sind fraglos spannend und ihre Hypothese enthält einen Funken Wahrheit, aber wie jede Symbol-Deutung birgt auch sie einen nicht geringen Nachteil: Ein Symbol bezieht sich immer auf ein anderes, das wieder mit einem dritten korrespondiert, und so weiter... Dadurch wird jede Interpretation zu einem Rechenexempel das nicht aufgeht und dessen Quotient am Ende niemand berechnen kann. Sie ist – im mathematischen Sinn des Wortes – irrational.“

[17] Man kann die geheimnisumwitterten Besuche des Großherzogs Johann Salvator von Habsburg in Rennes-le-Château eigentlich nur ins Reich der Fabel verweisen. Entschieden zu Vieles spricht gegen diese Darstellung. Neben vielen anderen sachlichen Einwänden, vor allen Dingen die unumstößliche Tatsache, dass Johann Salvator als Kapitän auf seinem eigenen Schiff, im Sommer 1890, zu einer Expeditionsreise nach Feurland aufbrach, von der er nicht zurückkehrte. Bei der Umrundung von Kap Horn sank sein Schiff i n einem Orkan. Kein anderer, als Otto von Habsburg selbst, erklärte überdies per Brief, vom 23. Januar 1983, gegenüber Jean Robin, einem französischen Forscher: „Auch lasse ich nicht gelten, dass jemals zwischen irgend einem Mitglied meiner Familie und dem Abbé Bérenger Saunière eine Verbindung bestand.“

[18] Saunière ist von seinem Bischof, Monseigneur Beauséjour, zu Recht des Messhandels bezichtigt und deswegen von seinem Amt suspendiert worden. Falsch ist, dass Saunière später beim Vatikan direkt einen Freispruch erkämpft hätte. Das Verfahren verlief gewissermaßen im Sande. Der Kirche war nicht an einem öffentlichen Skandal gelegen und Saunière hatte auch auf diese Weise erreicht, was er wollte – keine weiteren unbequemen Fragen wurden ihm mehr gestellt. Das Amt als Curé von Rennes-le-Château übte er trotzdem bis zu seinem Tode nicht wieder aus.

[19] Tatsache ist lediglich, dass Saunière am 17. Januar 1917 einen Schlaganfall erlitt. All die hier in dem Zusammenhang geschilderten Details jedoch sind lediglich Phantastereien. Insbesondere die angebliche Sargbestellung durch Marie, bereits am 12. Januar, beruhte bestenfalls lediglich auf einem Irrtum der britischen Autoren. Als Datum der „Auftragsbestätigung“ ist dort in Wirklichkeit der 12. Juni zu lesen.

[20]  Auch diese Vorgänge sind weiter nichts als erfundene Anekdoten. Am Vormittag des 17. Januar 1917 fand Marie den bewusstlosen Curé vor der Tür des Magdalaturmes liegend. Der herbeigerufene Arzt, Dr. Courrent, diagnostizierte einen schweren Gehirnschlag. Und es steht keineswegs fest, dass dem sterbenden Pfarrer etwa die letzte Ölung verweigert worden wäre. Denn Tatsache ist, dass Saunière am 24. Januar 1917, Vormittag 10.00 Uhr, feierlich auf dem Friedhof von Rennes-le-Château in einer beeindruckenden Zeremonie bestattet worden ist. Ein Diakon, assistiert von einem Subdiakon, hielt für den Abbé eine große Messe ab. Eine solche Zeremonie hätte jedoch auf keinen Fall stattfinden dürfen, wenn zuvor die Sakramente verweigert worden wären.

[21] Von den meisten Autoren wird der Lebensabend von Marie jedoch in schwärzeren Farben gemalt. Sie hätte ein eher armseliges, kümmerliches Leben gefristet. Bei der Episode mit den bündelweise im Garten verbrannten Geldscheinen erübrigt sich eigentlich jeder Kommentar

[22] Licoln, Baigent, Leigh verstiegen sich mit ihren mehr oder weniger haltlosen Spekulationen bis hin zu der absurden Behauptung, daß Saunière in den Besitz von ungeheuer brisantem Wissen gekommen sei, mit dem er den Vatikan um Millionenbeträge erpresst haben könnte.

 

asmodeus

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