Eine seltsame Eremitage
In zunehmender Zahl verbinden Besucher von Rennes-le-Château ihren Aufenthalt mit einem Abstecher in die
Gorge de Galamus, zur Eremitage des Heiligen Antonius. Eine Tour, die ihren ganz speziellen Reiz hat und so ziemlich jedem, der sie einmal unternahm, unvergesslich in Erinnerung bleiben dürfte.
Egal, ob man über Bugarach und Cubières, oder über Saint-Paul-de-de-Fenouillède anfährt – egal also, in welcher Richtung man die abenteuerliche Passage wählt – sie darf ohne Übertreibung
atemberaubend genannt werden. Das „crossing the gorge“ kann zwar das ganze Jahr über praktiziert werden, erlebt aber in den Sommermonaten sichtlich seinen Höhepunkt. Dann verursachen Heerscharen
von Touristen auf der engen, in die Felswand gehauenen Strasse grosse Verkehrsprobleme. Deshalb ist man dazu übergegangen, die Durchfahrt mit Ampeln zu regeln, weil unsichere Autofahrer früher
täglich mehrmals für Totalblockaden auf der ca. 2km langen Strecke sorgten, auf der es bei Gegenverkehr äusserst knapp zugeht, und auf der Wendemanöver unmöglich sind.
Angelegt wurde diese Strasse, als Verbindungsweg zwischen dem
Département Aude und dem Département Pyrenées-Orientales, erst 1890. Am Grunde der Schlucht, tief unterhalb der Strasse, bahnt sich der Fluss Agly
(Adlerfluss) seit Jahrtausenden seinen Weg, wobei er sich in den sonst selten vorkommenden Tuff-Kalstein regelrecht einsägte. Auf seinem Weg wird der Agly von unzähligen Quellen gespeist, von
denen viele in der Gorge de Galamus entspringen. Darunter auch einige Thermalquellen, mit bis zu 28°C Wassertemperatur. Eine besonders ergiebige Quelle (Ausstoss 150 l/s) dient der
Wasserversorgung für das nahegelegene St.-Paul. Den spezifischen hydrogeologischen Bedingungen ist es zuzuschreiben, dass die Felsmassive hier besonders viele Hohlräume – Grotten, Spalten,
Röhren, Risse, Schluchten und Abgründe aufweisen. Das gesamte Gebiet der Gorge de Galamus ist heute ein Naturschutzgebiet, über dem Habichtadler und Geier ihre Kreise ziehen, an dessen
Steilwänden sich Steineichen festkrallen und wo der Garrique mit phönizischem Wacholder und Alpenveilchen durchsetzt ist.
Hauptattraktion in der Schlucht ist jedoch die Höhlen-Kapelle des
Heiligen Antonius, mit den zugehörigen Bauten der Eremitage. Eine echte, uralte Einsiedelei. In der, wie alten Urkunden zu entnehmen ist, im 7. Jh.,
Einsiedler in einigen der Höhlen und Grotten hausten. Doch spricht sehr vieles dafür, dass hier schon in vorchristlicher Zeit ein heiliger Bezirk existierte. Auf dem Felsen gegenüber des
Hauptparkplatzes fand man die Überreste eines Oppidum, welches aber ebenso gut auch eine kultische Anlage gewesen sein könnte.
In jüngerer Zeit diente die Einsiedelei denn gar wiederholt auch
als Filmkulisse für:
Dai Sijie, „China mein Schmerz“ (1989), und
Roman Polanski, „The Ninth Gate“ (1998).
Steven Spielberg hatte die Eremitage übrigens schon 1977 als
Schauplatz für seinen Film “Begegnung der dritten Art” in Erwägung gezogen…
Eine merkwürdige Einsiedelei
Wie lange die kleinere der beiden Grotten schon als Kapelle dient,
lässt sich nicht mehr ermitteln. Vermutlich diente sie von Anbeginn diesem Zweck, während die anderen, kleineren Höhlen von den Eremiten behaust wurden.
Bis in die Mitte des 15.Jh. hinein liegt die Geschichte der Eremitage beinahe völlig im Dunkel, zumindest
soweit es urkundliche Belege betrifft. Über die Zeit davor erzählen verschiedene Legenden. Wie die, über den Troubadour Jehean Cantalauze – Jehean der Sänger. Sein richtiger Name lautete Gadamus
und unter diesem Namen war er ebenfalls bekannt. Gadamus könnte sich vom Lateinischen „gaudeamus“ herleiten, im Sinne von „freut euch“. Viel Glück scheint ihm trotz seines Namens jedoch nicht
beschieden gewesen zu sein, wenn man der Sage Glauben schenken will. Denn die berichtet von einer Sängerfahrt, die Gadamus gemeinsam mit seinem Freund Gilles Montardel nach dem Château Puylaurens
unternahm, wo er sich unsterblich in des Truchsess entzückendes Töchterlein Sylvaine verliebte. Doch auf ihrer weiteren Fahrt, der die beiden Freunde durch den Wald von Fanges führte, gerieten
sie in einen Hinterhalt von Räubern, mit denen sie sich einen heftigen aber kurzen Kampf lieferten, in dem Gilles Montardel tödlich getroffen wurde. Sterbend nahm er Gadamus das Versprechen ab,
dass der Troubadour nach Jerusalem ziehen würde, um am Grabe Christi für die arme Seele seines erschlagenen Freundes zu beten.
Gadamus brachte die Leiche des Freundes zum Château zurück, wo er
Sylvaine über seine Pilgerabsichten unterrichtete. Dann gab er ihr das Versprechen, sie nach seiner Heimkehr zu heiraten.
Des Troubadours Pilgerfahrt dauerte ein ganzes Jahr. Er löste das
dem Freund gegebene Versprechen ein und suchte nach seiner Heimkehr dessen Grab auf, wobei er noch ein weiteres Grab vorfand – das kühle Grab seiner Verlobten, die in der Zwischenzeit als eines
von vielen Pestopfern ihr junges Leben verloren hatte. So schwer vom Schicksal geschlagen, beschloss Gadamus sich von der Welt zurück zu ziehen. Er suchte die Einsamkeit und fand sie in Richtung
Sonnenaufgang ziehend, an einem wilden, einsamen Ort, an dem er fortan für den Rest seines Lebens eine Höhle bewohnte. Die Stätte trägt von da an seinen Namen – „Galamus“.
Warum soll es sich nicht so, oder so ähnlich, zugetragen
haben?
Belegt ist über einen Abt namens Cazes, dass sich im Jahr 1395
Franziskaner-Mönche in der Eremitage de Galamus etablierten. Wahrscheinlich begannen sie mit dem Bau der Gebäude und dem Glockenturm mit seiner „Bell aux Voeux“ und der anderen Einrichtungen.
1482 räumte das Kapitel St.-Paul den Frnziskanern Wirtschaftsrechte für die Eremitage ein und in den nachfolgenden Jahren, bis 1494, gingen beträchtliche Landschenkungen an die Brüder. Das führte
allerdings wiederum bald zu Rivalitäten zwischen den Franziskanern und anderen Klerikern, welche erst 1560 beigelegt wurden. Im Verlauf der französischen Revolution gelangte die Eremitage in den
Besitz der Republik und im Jahr 1791 kaufte ein gewisser Mr Pierre Baudet das Anwesen für die Summe von 800 Francs. Obwohl seit der Zeit in Privatbesitz, galt die Eremitage de Galamus noch für
lange Zeit das, als was sie von jeher gewesen sein soll – eine Einsiedelei. Die Quellen sind sich jedoch nicht ganz einig darüber, bis wenn der letzte Eremit in der Galamusschlucht gelebt haben
soll, bzw. wen man als den letzten wahrhaften Einsiedler gelten lassen möchte.
Die einen meinen 1927 sei der letzte Eremit in der Galamus
gestorben. Die anderen betrachten Pater Blancarte, der erst 1959 verschied, als den Letzten. Richtig ist, das dieser Pater Blancarte sicherlich sein möglichstes unternahm, um dem Eremitenideal zu
entsprechen. Wie weit ihm das eventuell geglückt sein mag, angesichts der Touristen- und Pilgerströme, die sich damals schon dicht in dem kleinen Refugium drängten,
mag dahin gestellt bleiben. Doch
mit dem Eremitendasein, dass diesen Namen wirklich verdient, kann es schon lange Zeit zuvor nicht allzu weit her gewesen sein. Eine Wallfahrtsstätte könnte die Eremitage schon sehr früh gewesen
sein, doch wird das eigentlich erst seit der Zeit geglaubt, in der sie tatsächlich zu einer solchen geworden ist. Im Anschluss an das sogenannte Wunder von 1872, als in der Gegend von St.-Paul
eine schreckliche Epidemie ausgebrochen war, die schon 14 Todesopfer im Ort gefordert hatte. Es handelte sich um die sogenannte „Schweifsucht“, eine Form des Gangrän, mit häufiger Todesfolge. Die
Leute suchten Schutz beim Heiligen Antonius in der Galamus, woraufhin das Unglück angeblich sofort zu Ende war. Zum Dank und zum Gedenken richtete man anschliessend die zweite Kapelle, in der
grösseren Grotte, ein und wählte St.-Antoine als Schutzpatron. In dem besagten Jahr soll auch die mächtige, alte Platane entsprossen sein, welche im Hof in einer Felsspalte wurzelt, wo sie trotz
erheblichen Wassermangel seitdem wächst und gedeiht. Die Eremitage, genauer die grössere, die neuzeitliche Höhlenkapelle, avancierte zu einem Wallfahrtsort, der alljährlich am Ostermontag und
Pfingstmontag grosse Scharen von Gläubigen anzieht. (einmal für die occitanischen und das andere mal für die katalanischen Wallfahrer)
Aber auch andere Umstände lassen uns daran zweifeln, dass die Eremitage eine typische
Einsiedelei gewesen sein soll. So fällt bereits auf dem gesamten Weg, der vom heutigen Parkplatz zur Eremitage führt, der von zahllosen Füssen blankpolierte Fels auf. Das kann nur die Folge von
Fussgängerverkehr sein, der auch für eine Wallfahrtsstätte ungewöhnlich hoch ist.
Die Fachleute sind sich darin einig, dass die Eremitage ganz
eindeutig als Wehranlage erbaut worden ist. Sie sprechen von einer typischen Wehrkirche. Nun sind aber Eremiten für gewöhnlich nur ausserordentlich selten mit reger Bautätigkeit auffällig in
Erscheinung getreten. Da die Erbauung der gesamten Wehranlage unter ausserordentlich schwierigen Bedingungen stattfand, darf man sicherlich zu Recht annehmen, dass sich die Bautätigkeiten auch
über einen entsprechend langen Zeitraum erstreckten und dass die Mönche diese Arbeit nicht eigenhändig verrichteten. Hier müssen unzweifelhaft Spezialisten am Werk gewesen sein. Dafür finden sich
denn auch Belege. Ein gewisser Hubert Labaut, eigentlich ein Bergbauexperte, war mit der Bauausführung betraut. Was wiederum die Frage aufwirft, warum „man“ ausgerechnet einen Bergbauspezialisten
mit dem Bau beauftragte, obwohl an Baumeistern für den Burgenbau zu der Zeit in Occitanien wohl kaum Mangel bestanden haben kann. Eine Frage, die in anderem Zusammenhang nochmals eindringlicher
an uns herantrat. Sicherlich waren auch Leute aus der Umgebung, aus St.-Paul beispielsweise, als Hilfskräfte beschäftigt. Und diese Bauleute kletterten wohl kaum tagtäglich aus weiter Entfernung,
auf mühseligen Maultierpfaden, aus dem Tal herauf, zur Baustelle. Sie hielten sich selbstredend während der gesamten Bauzeit bei der Eremitage auf – welche während dessen folglich nur wenig mit
einer Eremitage gemeinsam gehabt haben kann.
Woher kamen eigentlich die nicht unbeträchtlichen Mittel, die dieser Bau
verschlang?
Und wozu überhaupt eine Wehranlage an dieser
Stelle?
Der französische Heimatforscher André Douzet fragt sicherlich nicht
zu Unrecht, was hier eigentlich bewacht oder beschützt worden ist. Das fragen wir uns auch, um des weiteren darüber nachzudenken, wer in dieser Wehranlage die militärischen Aufgaben übernahm.
Eremiten als Wachtposten auf einer Wehrmauer?
Eine, wenn auch zahlenmässig kleine kriegerische Truppe, einträchtig zusammen mit
asketischen Einsiedlern, die dort oben gelegentlich einfach verhungerten? – so, wie Pater Pierre Verdier, der sich etwas unterhalb der kleinen Kapelle mit seinen eigenen Händen ein
Grab aushob, ehe er 1879 an Hunger starb. Wenn also vor noch gar
nicht so langer Zeit in dem Felsennest ein Eremit verhungern musste, um wie viel öfter und leichter mögen dann im Mittelalter Männer dort oben ganz jämmerlich verendet sein? Für Eremiten ja
vielleicht durchaus hinnehmbar, ja unter Umständen sogar erstrebenswert – aber für Soldaten?
Unser Interesse gilt dagegen vor allen Dingen mehr dem alten,
ursprünglichen Heiligtum, der kleineren Kapellengrotte.
Geheimnisse einer Kapelle
Wir hatten gehört, dass im hinteren Teil der alten Kapelle ein,
wenn auch sehr enger, Durchlass existieren würde, der den Zugang zu einer dahinter liegenden Galerie ermöglicht, von der aus man weiter, in ein
grosses Höhlensystem gelangen könnte. Dass hier ein ausgedehntes, weit verzweigtes Labyrinth von mehr oder weniger zusammenhängenden Röhren, Höhlen und Felsspalten besteht, ist heute längst kein
Geheimnis mehr. Der Untergrund wird seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts von Speleos erkundet, ist aber noch längst nicht restlos erforscht. Da unten könnten durchaus noch verschiedene
Überraschungen verborgen sein. Und so völlig aus der Luft griffen wir diesen Gedanken ganz bestimmt nicht. Gedacht sei in dem Zusammenhang beispielsweise nur an eine rätselhafte
Episode:
Im Jahr 1597 unternahm ein gewisser Albert Foncay Map eine Exkursion in das grosse
Höhlensystem in der Galamus. In Begleitung des Franziskaners Marie-Bernard Brauge wagte sich der Mann in die Tiefen jener Höhle vorzudringen, die – völlig zu Recht – den Namen „Guelle d’Enfer“
(Höllenmaul) trägt. Was uns zunächst schon einmal deutlich vor Augen führt, dass sich nicht erst seit den fünfziger Jahren Speleos für die Unterwelt in der Gorge de Galamus interessieren und –
dass es mit dem weltabgewandten, kontemplativen, entsagungsvollen Eremitendasein in dieser Einsiedelei schon damals seine eigene Bewandtnis gehabt haben muss. Wie dieses Abenteuer im Einzelnen
verlief, ist unbekannt geblieben. Es endete jedenfalls sehr unglücklich in einem völligen Desaster. Albert Foncay Map wurde, drei Tage nachdem die beiden Männer zu ihrer Expedition aufgebrochen
waren, schwer verletzt und in geistig verwirrten Zustand, bei Bugarach aufgefunden. Er konnte sich an die Ereignisse in der Unterwelt nicht mehr erinnern, verfiel schon bald in einen apathischen
Zustand und starb drei Wochen später im Delirium. Wiederholt soll er aber von einem oder mehreren Dämonen geredet haben, denen er in der Höhle begegnet sei. Wahrscheinlich gehen die Geschichten
über irgendwelche Monster oder Dämonen, die in den Höhlen der Galamus ihren Sitz haben sollen, hauptsächlich auf die wirren Reden des Albert Foncay Map zurück. Was aus seinem Begleiter, dem Pater
Marie-Bernard Brauge wurde, war niemals in Erfahrung zu bringen. Der Mönch blieb verschollen.
Wir wissen von diesem Vorfall lediglich aus den Aufzeichnungen
eines anderen Mönches, namens Louis Poincet ,der einen handschriftlichen Vermerk (1601) hinterliess. Dem ist zu entnehmen, dass ein Mann mit der Pflege des Verunglückten betraut gewesen ist, der
als „P.“ bezeichnet wird, wobei unklar ist, ob es sich bei der Abkürzung um einen Namen oder um einen Titel handelt. Er scheint jedoch über medizinische Kenntnisse verfügt zu haben. Dieser Mann
notierte während der letzten drei Wochen, in denen Map noch lebte, alle Worte und Mitteilungen seines Patienten und alle Besonderheiten die ihm auffielen.
Auffallend erscheint aber auch das ungewöhnlich starke Interesse,
das der Pfleger seinem Patienten widmete. Es sieht ganz so aus, als hätte man seinerzeit alles erdenkliche unternommen, um zu erfahren, was sich in den drei Tagen ereignet hatte, und vielleicht
auch, was die beiden Männer in der Höhle zu entdecken hofften.
Anscheinend unter dem Eindruck dieses dramatischen Zwischenfalls
merkte ein anderer Franziskaner, der Pater Albouys, dazu an, dass man die Felsspalte bei dem zylindrischen Felsblock, durch welche Map und Brauge in die Höhle eingerungen waren, nicht anders, als
ein „Maul der Hölle“ nennen könnte. Auf diese Weise mag diese Höhle zu dem Namen gekommen sein, den sie heut noch trägt – Höllenmaul, oder auch Höllenschlund. Und was anderes, als Wahnsinn und
Verderben könnte man in der Hölle finden?
Doch davon einmal abgesehen, interessierten sich die Padres sicherlich auch aus noch völlig
anderen Gründen brennend für die Unterwelt. Insbesondere für die, direkt unter ihren Füssen. Könnte das möglicherweise auch eine plausible Erklärung dafür sein, dass ein Experte für Bergbau mit
den Bauarbeiten in der Galamus betraut worden ist, und das die Bauwerke lediglich den offensichtlichen, vielleicht nur den kleineren Teil einer viel umfassenderen Anlage bilden, die weit in den
Untergrund hinein reicht?
Von verschiedenen Rennologen wurden in der Vergangenheit mögliche
Verbindungen zwischen Rennes-le-Château und der Eremitage in der Gorge de Galamus gesehen.
So waren wir denn doch einigermassen überrascht, als wir schon
gleich zu Beginn unserer Recherchen über den Namen jenes Mannes stolperten, der im Jahr 1791 die Eremitage käuflich erwarb – Pierre Baudet. Wieder so
ein merkwürdiger „Zufall“! Wir erinnerten uns an eine Arbeit des deutschen Forschers und Autors Thomas Ritter, in der er die folgenden interessanten Gedanken entwickelte:
„Das jüdische Fürstentum von Septimanien bestand formell bis ins hohe
Mittelalter, wenn auch Berichte aus dem 13. Jahrhundert nahe legen, dass es sich in dieser Zeit bei dem Nasi nur mehr um einen König ohne Land handelte. In der Zeit nach den verhängnisvollen Kreuzzügen gegen die Katharer und einer flächendeckenden Inquisition sahen sich die Nachkommen des ersten
Nasi ebenfalls einer erheblichen Bedrohung ausgesetzt. Sie passten daher ihre Namen den ortsüblichen Gegebenheiten an. Aus dem hebräischen „Nasi Makhir“ wurde ein „Boudat“ oder „Boudiat“ –
okzitanisch für „guter Fürst“. Von „Boudat“ bis zu „Boudet“ ist es phonetisch nur ein kleiner Schritt. Möglicherweise entstammte Henri Boudet also der Nachkommenschaft des jüdischen Herrschers
von Septimanien. Dazu passt die Tatsache, dass Boudet, und nicht Sauniere, der eigentliche Wiederentdecker des Geheimnisses gewesen ist, wie ich an anderer Stelle bereits ausführte. Einen
weiteren Hinweis bietet das Buch des Pfarrers „La vraie Langue Celtique et le Cromleck de Rennes les Baines“, in dem er auch sehr ausführlich auf jüdische Opferrituale eingeht, die an sich mit
der „wahren Sprache der Kelten“ nichts zu tun haben.“ (Hvidbjerg, Südjütland, März 2008, Thomas Ritter)
Ob ein jüdisches Königreich Septimanien tatsächlich jemals
existierte ist umstritten und in dem Zusammenhang auch weniger wichtig. Eine Figur, die den Titel Nasi Makhiri führte, der im historischen Kontext eine bedeutsame Rolle zukommt, scheint es
dagegen wirklich gegeben zu haben. Sollte Saunières Amtsbruder in Rennes-le-Bains, der Abbé Henry Boudet, also möglicherweise in ein Geheimnis um die Gorge de Galamus verwickelt gewesen
sein?
Solchen vermeintlichen Spuren wollten wir jedoch vorerst nicht
nachgehen, als wir uns intensiver mit der Einsiedelei befassten. Sollten sich später, im Verlauf unserer eigenen Recherchen, tatsächlich eindeutigere Bezüge in der Richtung ergeben, wollten wir
die Fährte gerne weiter verfolgen.
Das Höllenmaul
Neugierig geworden, versprachen wir uns am ehesten dort ein paar Antworten auf viele
unserer Fragen zu finden, wo schon die unglücklichen Albert Foncay Map und Marie-Bernard Brauge gesucht hatten – in den Höhlensystemen der Gorge de Galamus. Unserem Entdeckerdrang stand jedoch
von jeher ein ärgerliches Hindernis in Form eines Gittertores entgegen. Die Türe sichert, aus gutem Grund, den Zugang zum Höllenschlund. Man geht auf dem Weg zur Eremitage nahe daran vorbei.
Einem neugierigen Blick durch die Gitterstäbe offenbart sich lediglich die kleine Grotte, welche nach hinten hin schnell in eine enge Röhre übergeht. Unspektakulär – und man fragt sich, warum
hier solcher Aufwand für das Bisschen Grotte getrieben worden sein mag. Klar, man möchte nach Möglichkeit verhindern, dass unerfahrene, leichtsinnige Touristen oder gar Kinder einen kleinen
Abstecher unternehmen. Oder gibt es vielleicht noch andere Gründe? In einem Land, in dem zahllose, auch sehr grosse und überaus gefährliche Höhlen selten so gesichert sind, wie der Höllenschlund,
darf man sich zumindest über diese Türe wundern. Doch andererseits ist „La Trou de Cité“ bei Lastours, einer anderen Touristenattraktion im Languedoc, gleichfalls mit einem stabilen Gitter
versperrt, obwohl es sich dort, im Vergleich mit dem Höllenmaul, um eine eher „harmlose“ Höhle handelt.
Doch wir wollten uns eigentlich weniger die Köpfe darüber zerbrechen, warum die Höhle abgesperrt wurde
– wir wollten viel lieber hinein. Gegen Ende Juli dieses Jahres ergab sich endlich die Gelegenheit dazu. Wir begleiteten Gäste bei einem Besuch in der Eremitage, passierten dabei wieder einmal
das Objekt der Begierde, und stellten zu unserer freudigen Überraschung fest, dass die Tür ihren Zweck nicht mehr erfüllte. Diese möglicherweise einmalige Gelegenheit wollte ich mir, obwohl
völlig unvorbereitet und nicht ausgerüstet, auf gar keinen Fall entgehen lassen. Ich schlüpfte kurzentschlossen in die Grotte und dann in die rückwärtige Röhre. Nur eine knapp drei Meter lange,
enge Passage und schon tat sich vor mir eine schöne Grotte auf, deren Boden aber etwa drei Meter tief unten lag. Meine winzige Taschenlampe vermochte nicht einmal das Innere der Grotte
ausreichend zu beleuchten. Sinnlos und viel zu riskant, weiter hinein zu klettern, obwohl eine Leiter einladend unter dem Einstiegsloch am Fels lehnte. Also kehrte ich um und vereinbarte mit
meiner Frau eine Exkursion in diese Höhle zum schnellstmöglichen Zeitpunkt.
Gesagt getan – wir kehrten zwei Tage später zurück. Meine Frau
sicherte im Zugangsbereich und schon begann unsere erste Exkursion in den Höllenschlund. Dabei gab ich mich keinen Illusionen hin. Nach allem, was wir bis dato über diese Höhle in Erfahrung
gebracht hatten, war voraussehbar, dass ich im Alleingang nicht sehr weit vordringen konnte. Doch ich wollte mir wenigstens ein paar erste Eindrücke verschaffen – und die waren
atemberaubend.
Auf dem Boden der Grotte angelangt, stand ich vor einer etwa brusthohen Felsbank, hinter der es steil weiter in die Tiefe
ging. Mit Seilführung kein grosses Problem. Dann stand ich vor einem kurzen Tunnel, der nur in gebückter Haltung passiert werden kann. Er mündete in eine grössere Grotte, in der es weiter tief
hinab ging. Meine Stimme erzeugte in dem Raum einen derartigen Hall, wie ich es selten in einer Höhle erlebte. Kein Zweifel, für solch eine Resonanz konnte unmöglich das Volumen in der Grotte
sorgen, in der ich angekommen war. Wenige Meter vor mir endete der Boden der Caverne vor einem Abgrund. Ich bewegte mich vorsichtig bis an die Kante vor und versuchte
herauszufinden, wie tief es dort hinunter ging. Dabei stellte ich fest, das ich auf einer
Felsplatte lag. Der Raum unter mir weitete sich unter mir hinweg. Es gab also nicht einmal eine Wand, an der ich die ca. 7m hätte hinunterklettern
können – bis auf die gegenüber liegende Felswand natürlich. Aber die war von meiner Position aus auch nicht zu erreichen. Doch zum Glück hatten die Speleos hier schon Vorsorge getroffen. Als ich
mich weiter umsah, entdeckte ich vier Haken über mir in der Wand. Von hier aus galt es sich also abzuseilen. Ich hätte nun ein weiteres Seil gebraucht und – da machte ich mir nichts vor – einen
Sepeleokollegen.
Der war bald gefunden. Peter Ernst hielt sich gerade in der Gegend
auf und wir planten ohnehin, wie in den Jahren zuvor, einige gemeinsame Höhlenexkursionen zu unternehmen. Es traf sich also auf das beste, als Peter bei mir anfragte, ob ich noch von einer Höhle
wüsste, die als weiteres highlight, neben dem von ihm entdeckten Höhlengrab, auf seine neue DVD passen würde. Dem Mann konnte geholfen werden und ich war ebenfalls aus dem Schneider. Wie der
Zufall es wollte, hatte er schon von der sagenumwobenen Höhle in der Gorge de Galamus gehört und war sichtlich begeistert, als er erfuhr, dass genau dieser Höllentrip als nächstes auf dem
Programm stand. Wir schoben das Unternehmen nicht auf die lange Bank.
Bald darauf standen wir bereits auf dem vollgeparkten Parkplatz.
Zunächst noch unschlüssig, weil wir lieber kein Aufsehen erregen wollten. Doch wir hätten bis in die späten Abendstunden warten müssen und wären wahrscheinlich selbst dann noch nicht ungesehen
bis zum Höhleneingang gelangt. Also beluden wir uns schliesslich kurzentschlossen mit unserer Ausrüstung und schleppten das ganze Zeug, all die verwunderten Blicke einfach ignorierend, bis zum
Gittertor, hinter dem wir schleunigst unbeobachtet in den Höllenschlund krochen.
Unser Weg verlief ohne Zwischenfälle bis zu der Stelle, an der ich schon bei meinem ersten
Besuch angelangt war. Hier hängten wir unser Seil ein und was sich als die erste kleine Zitterpartie erwies. Die Haken sind so über dem Abgrund gesetzt worden, dass das Seil frei hängt. Ich
kletterte also an der feuchten und glatten Wand bis zum äussersten Punkt, während Peter mich am Gurtzeug festhielt, denn das Seil musste vom vordersten Haken her durch alle anderen Haken nach
hinten gefädelt werden. Dann war die erste Hürde genommen und nachdem wir uns abgeseilt hatten, fanden wird uns, am Grund angekommen, in einer grossen Halle wieder, die nach zwei Seiten in grosse
abschüssige Galerien auslief.
Nachdem wir uns in der Halle umgesehen hatten, entschieden wir uns dafür zuerst die nach links verlaufende
Galerie weiter zu verfolgen. Es stellte sich schon nach wenigen Metern heraus, dass sie über mehrere Stufen hinweg ziemlich steil in die Tiefe führte. Es war nicht zu übersehen, dass sich die
Höhle in diesem Bereich vertikal entwickelt. Der Weg über die Stufen abwärts stellt dabei die gangbarere Möglichkeit dar. Denn bereits am Eingang in diese Galerie, rechter Hand, entdeckten wir eine wunderschöne, aber
scheinbar bodenlose Tropfsteingrotte. Man könnte sich also auch dort in die Tiefe abseilen und würde dann wahrscheinlich wieder in jenem Tunnel
anlangen, zu dem sich die Galerie in grösserer Tiefe verengt.
Wir wählten den „bequemeren“ Weg. Sahen uns jedoch gezwungen, nunmehr arbeitsteilig vorzugehen. Klettern und
filmen schlossen sich in diesem Abschnitt der Höhle aus. Peter war vollauf damit ausgelastet, sich beim Filmen in einer halbwegs stabilen Position zu halte. Also machte ich mich an den Abstieg
und fotografierte, wenn ich die Hände frei hatte. So arbeitete ich mich bis zu einer Stelle vor, an der sich der Stollen schliesslich in einen tiefen Schacht verwandelte. Hier kam ich allein nicht weiter. Peter hätte nachrücken müssen, was
lediglich einige zusätzliche Arbeit für uns bedeutet hätte. Wir hielten es jedoch für weniger sinnvoll, den Weg in dieser Richtung weiter zu verfolgen – denn nirgendwo, über diesem Abgrund, waren
Haken zu entdecken. Folglich hatten Speleos darauf verzichtet, die Höhle nach dieser Seite hin zu erkunden. Sie werden ihre Gründe gehabt haben. Deshalb entschieden wir uns dafür, lieber
umzukehren, und über die zweite Galerie weiter zu gehen, statt Zeit und Kräfte an einen vermutlich uninteressanten Abstecher zu vergeuden. Denn der Abstieg, bis zu dieser Stelle, war alles andere
als reibungslos, sondern in einem wiederholten Auf und Ab, verlaufen.
Die zweite Galerie erstreckt sich zwar ebenfalls stark abschüssig, wenn auch nicht so steil
abfallend, wie die erste, ungefähr in Richtung Eremitage, welche sie unterquert. Über eine Strecke von etwa 500m ist sie ohne nennenswerte Hindernisse begehbar. Bei einer Erstbegehung erscheinen
ein paar einfache Sicherheitsmassnahmen dennoch angebracht. Wer auf dem immer feuchten und glitschigen Boden ins Rutschen gerät, kommt erst nach einer mehr oder weniger langen unkontrollierbaren
Rutschpartie wieder auf die Füsse. Solch ein Ausrutscher kann auch in dieser Galerie in einem der Risse oder Spalten enden, die man auf diesem Weg passiert. Wir entdeckten jedoch keine Verbindung
hinauf, in die Eremitage, wie wir gehofft hatten. Trotzdem gehe ich weiterhin davon aus, dass solch eine Verbindung besteht.
Im Verlauf unserer Exkursion hatten wir das Zeitgefühl weitgehend
verloren und stellten irgendwann fest, dass wir schon ungefähr sechs Stunden lang in der Höhle unterwegs waren. Für den Rückweg mussten noch ausreichend Kraftreserven verfügbar sein. Ausserdem
war es kaum noch möglich mit den Kameras brauchbare Aufnahmen zu machen. Zu unserer Verwunderung trübte sich zunehmend die Atmosphäre in der Höhle. Uns war schon zu Beginn, kurz nachdem wir uns
abgeseilt hatten, aufgefallen, dass unsere Atemluft ungewöhnlich lange als feiner Dunst sichtbar blieb. Das merkwürdige Verhalten unserer Atemluft erschwerte ja die Kameraarbeit für Peter schon
in der Galerie, die wir zuerst untersuchten, erheblich. Und die zunehmende Eintrübung der Luft in der Höhle war selbst gegen Ende unserer Exkursion, noch in der Halle, in die wir uns anfangs
abgeseilt hatten, beträchtlich. Ein feiner Nebel schien sich in der gesamten Höhle auszubreiten. Möglicherweise verursacht durch eine Thermalquelle, in grösseren Tiefen, die wir erst noch
aufsuchen wollen
Ich versuchte mir vorzustellen, was den beiden unglücklichen
Abenteurern, im 16.Jh., hier unten begegnet sein mochte. Es kann nicht nur der Nebel allein gewesen sein, der ihnen zum Verhängnis geworden ist.
Wirklichen Dämonen begegneten wir, Gott sei Dank, jedoch nicht. Aber es soll nicht unerwähnt bleiben, dass
einigermassen unheimliche Eindrücke dennoch gewonnen werden können. Bei meiner ersten Visite machte ich Videoaufnahmen in der ersten kleinen Grotte, vor dem brusthohen Wall, der den
Einstiegsbereich zum Höhleninneren hin abgrenzt und hatte plötzlich eine beängstigend realistische Fratze im Sucher, die sich plastisch auf der gegenüberliegenden Felswand abzeichnete.
Wahrscheinlich nur eine Laune der Natur – der man vielleicht irgendwann einmal zu noch etwas mehr Deutlichkeit verholfen hat? Dieser Anblick, im flackernden Licht einer Fackel könnte in alten
Zeiten durchaus dämonisch auf Besucher und deren Phantasie gewirkt haben.
In dem Zusammenhang sei ein anderes Kuriosum erwähnt, weil es zumindest bezeugt
zu sein scheint, was wir bisher jedoch noch nicht nachprüfen konnten. Wie überall, bringt der heutige Massentourismus zwar dringend benötigtes Geld in die Kassen, aber dafür bleiben auch die
üblen Begleiterscheinungen nicht aus. Kurz, seit sich in den vergangenen Jahre Fälle von Vandalismus und obskure Zeremonien in der Höhlenkapelle häuften, ist dort eine Überwachungskamera installiert worden. Die Kamera ist permanent in Betrieb. Mehrmals soll sie während der Nachtstunden rätselhafte Vorgänge in der Kapelle
aufgezeichnet haben. Bilder von Geistern...
Als wir aus dem Höllenschlund schliesslich erschöpft, aber immerhin
unversehrt, wieder ins Freie hinaustraten, hatte sich längst die warme Sommernacht über die Schlucht gesenkt. Im Schein unserer Stirnlampen stiegen wir über den Maultierpfad zum Parkplatz hinauf,
wo wir eine längere Rast einlegten.
Fragen über Fragen
Aufgrund der vielen Eindrücke, die ich im Verlauf meiner Besuche in
der Eremitage de Galamus und vor allen Dingen in dem berüchtigten Höllenschlund gewann, kommen mir immer stärkere Zweifel an der Richtigkeit der offiziellen Darstellungen und Erklärungen über
diesen Ort. Vor allen Dingen nach den erwähnten Höhlenexkursionen erscheint mir vieles noch widersprüchlicher und fragwürdiger:
Welche der Grotten ist die echte, die ursprüngliche Andachtsstätte der Eremiten gewesen?
Was für eine Frage. Kann man doch alles in dem kleinen Führer nachlesen, den es im Kiosk zu kaufen gibt – und in unzähligen anderen Publikationen auch: Die kleinere Grotte, die
„Marie-Madeleine-Grotte“ (was denn auch sonst...) soll die ursprüngliche Andachtsstätte sein. Weil dabei oft das kleine Wasserbecken in der Grotte erwähnt wird, kann kein Zweifel daran bestehen,
welche Grotte gemeint ist. Das tut beispielsweise auch André Douzet in seinem interessanten Artikel über die Eremitage de Galamus. Er beschreibt die Grotte und das Becken und behauptet dann, dass sich hinten, in der Grotte, irgendwo hinter dem Wasserbecken, der Eingang in den Höllenschlund befinden würde.
Doch das ist offensichtlich nicht der Fall. Dieser Zugang befindet sich in jener kleinen Grotte, die mit dem Gittertor verschlossen ist. Und in eben dieser Grotte sprechen deutliche Spuren dafür,
dass sie intensiv genutzt worden sein muss. Sicherlich über viele Jahrhunderte hinweg müssen tausende Menschen oder vielleicht noch mehr, so, wie wir, durch die enge Röhre gekrochen sein. Denn das stellte ich schon bei meiner ersten Visite fest – Boden und Wände der Röhre sind an den exponierten Stellen glatt geschliffen, ja
regelrecht poliert. Ganz besonders stark an der Kante, über die man sich wälzt, wenn man in die erste kleine Caverne hinunter gelangen will.
Die gleichen Spuren entdeckt man dann wieder in dieser Caverne, auf der Barriere, die diese Caverne gegen die nächstfolgenden, tiefer gelegenen Höhlenabschnitten abgrenzt. Auch diese Felsbank
weist polierte Flächen auf – dort, wo man sie übersteigt.
Am auffälligsten ist der polierte Felsboden
natürlich dort, wo man am wenigsten damit rechnen würde, dass ganze Heerscharen von Menschen diese Stelle passiert haben sollen – an der Kante jener Felsplatte, von der aus wir uns in die Tiefe
abgeseilt hatten. Nicht gerade ein bodenloser Abgrund, sondern „nur“ acht oder zehn Meter, die am frei hängenden Seil dennoch erst mal, ob nach unten oder auch nach oben, überwunden werden
wollen.
Wie auch immer, die Anzeichen sprechen dafür, dass diese Höhle seit alter Zeit kultischen Zwecken diente. In den oberen Höhlenabschnitten dürften Zeremonien befolgt worden sein, wie wir sie ganz
allgemein als sogenannte Durchkriechbräuche kennen. Solche Bräuche waren seit undenklichen Zeiten in ganz Mitteleuropa verbreitet, sie hatten überwiegend volkstümlichen Charakter und haben dort,
wo sie fleissig ausgeübt wurden folglich auch deutliche Spuren hinterlassen. In der Gorge de Galamus ist das offenbar der Fall.
Eigenartigerweise fielen uns in den tieferen Abschnitten der Höhle keine weiteren Spuren auf. Allerdings suchten wir auch nicht danach und unsere Aufmerksamkeit galt anderen, eher
speleologischen Aspekten. Einigermassen verwunderlich finden wir es schon, dass Menschen in so grosser Zahl den mühseligen und nicht ungefährlichen
Abstieg in diese Höhle unternommen haben. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht, wie wir, an einem Seil kletterten. Wir gehen davon aus, dass an den schwierigen Stellen Leitern vorhanden gewesen
sind.
Übrigens ein weiterer Beleg dafür, dass es in dieser Einsiedelei von alters her recht lebhaft zugegangen zu sein scheint.
Neben den volkstümlichen Durchkriechritualen könnte der Höllenschlund aber auch andere Kulte beherbergt haben, ein unterirdisches Initiationsheiligtum gewesen sein, oder auch noch etwas ganz
anderes.
-
Um auf die eingangs gestellte Frage zurück zu kommen, meinen wir guten Grund zu
der Annahme zu haben, dass der Höllenschlund früher einmal eine Kulthöhle gewesen ist. Auf den Zugangsbereich, die heute versperrte kleine Grotte und den Kriechgang dürfte das sicherlich
zutreffen. Wenn nun aber, wie wir wissen, später, im Zuge der Christianisierung, oft und eifrig die alten heidnischen Kultplätze in christliche Kultstätten umfunktioniert wurden, dann spricht
eigentlich nichts gegen den Schluss, dass hier, in der Galamus nach eben diesem Schema verfahren worden ist. Das wäre aber gleichbedeutend damit, dass die heute versperrte Grotte von den ersten
Eremiten in eine christliche Kapelle umgewandelt wurde. Die heutige Marienkapelle, mit ihrer Quelle und dem Wasserbecken, dagegen wäre eigentlich eine ideale Wohnhöhle gewesen und wird
ursprünglich wohl auch eher diesem Zweck gedient haben.
Wo befindet sich der zweite Zugang in das Höllenmaul?
Wir gehen, wie gesagt, nach
wie vor davon aus, dass ausser dem Zugang, den wir bei unserer Exkursion benutzten, noch einen anderen Eingang in den Höllenschlund geben müsste – möglicherweise auch mehrere Zugänge. Bei einem
Durchkriechritual wird ein Lochstein oder eine Felsspalte/röhre üblicherweise von einer Eingangsöffnung zu einem Ausgang hin durchquert. Darin besteht das Ritual, das man sicherlich nicht
beginnt, indem man die Passage zuerst einmal gewissermassen pro forma und wirkungslos – bewältigt. Bei einem Lochstein oder einer Felsspalte hätte man das Ritual in dem Fall ja bereits vollzogen.
Der Eingang kann und darf nicht zugleich der Ausgang sein. Für ein vergleichbares Ritual, das in einer Höhle vollzogen wurde, galt dieser Grundsatz gleichermassen. Am Ende einer
simulierten Wiedergeburt trat der Kandidat sicherlich auch aus der kleinen Grotte, um die es hier geht, hinaus, in ein neues Leben. Von wo aus trat
er aber seine Reise durch die Nacht der Totenwelt in den Tiefen der Berge an?
asmodeus
Siehe auch:
http://www.rennes-le-château.de/Rennes/gorges_de_galamus.htm
Haim Hillel Ben Sasson: "Etwa [...] um das Jahr 1000 begegnen wir einer jüdischen Familie, die eine Art Erbecht auf die
Führung sämtlicher Geschäfte der Hegemonie Narbonne hatte (das hier gebrauchte mittelalterlich-hebräische Wort bedeutet soviel wie 'Bischofsdiözese' oder auch 'Fürstentum'). Der Vater, seine
Brüder und sein Sohn übten alle diese administrative Tätigkeit aus, wozu die Erledigung aller Angelegenheiten des Hegemon sowie der Einkauf seines Bedarfs gehörten. Handelsgeschäfte anderer
mit dem Hegemon wurden ebenfalls über diese Familie abgewickelt, denn ein Teil ihres Verdienstes bestand in den Gebühren, die sie den Leuten für die Tätigung ihrer Geschäfte
auferlegten." Als Quellenangabe gibt H. H. Ben Sasson Responsen früher Geonim, Berlin 1848 von D. Cassel an, darin Dokument 140.